Statement des Präsidenten des Bundesrechnungshofes, Kay Scheller, anlässlich der Zuleitung eines Sonderberichts zur Dauerkrise der Deutschen Bahn AG
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Statement des Präsidenten des Bundesrechnungshofes, Kay Scheller, anlässlich der Zuleitung eines Sonderberichts zur Dauerkrise der Deutschen Bahn AG
Sehr geehrte Damen und Herren,
vor vier Jahren hatten wir bereits auf grundlegende Fehlentwicklungen bei der Deutschen Bahn AG ( DB AG ) hingewiesen.
Heute beurteilen wir erneut die Lage des Konzerns und die Rolle des Alleineigentümers Bund – in einem neuen Sonderbericht für den Deutschen Bundestag.
Unsere Bilanz ist ernüchternd: Nach vier offensichtlich verlorenen Jahren ist das System Eisenbahn sogar noch unzuverlässiger geworden und die wirtschaftliche Lage der DB AG hat sich weiter verschlechtert. Die Krise der DB AG wird chronisch, der Konzern entwickelt sich zu einem Sanierungsfall, der das gesamte System Eisenbahn gefährdet.
Mehr denn je steht der Bund gravierenden strukturellen, finanziellen und betrieblichen Problemen gegenüber. Diese haben sich in Anzahl und Dringlichkeit sogar verschärft . Und wir alle spüren das im Alltag:
Für die Leistungsfähigkeit der DB AG ist die Pünktlichkeitsquote eine der wichtigsten Kennzahlen. Sie befindet sich seit 10 Jahren auf einem unbefriedigenden Niveau. 2021 war jeder vierte Zug im Fernverkehr unpünktlich, 2022 sogar jeder dritte – ein Negativrekord. Im Nah- und Güterverkehr sieht es nicht besser aus. Seit Jahren ist auch jeder vierte Güterzug unpünktlich. Die Kundenansprüche an Pünktlichkeit und Verlässlichkeit verfehlt die DB AG erheblich.
Verantwortlich für die Unpünktlichkeit ist unter anderem die überalterte und vernachlässigte Schieneninfrastruktur. Häufige Ausfälle der Anlagen und chronische Kapazitätsengpässe bremsen den Schienenverkehr regelrecht aus. Die Eisenbahninfrastruktur ist der Nachfrage, die weiter zunehmen wird, nicht gewachsen.
Die wirtschaftliche Situation des Konzerns verschlechtert sich immer mehr. In den bahnbezogenen Geschäftsfeldern (DB Cargo, DB Regio, DB Fernverkehr) sind die Erträge rückläufig oder es entstehen zum Teil massive Verluste. Allein DB Cargo hat in den letzten zehn Jahren 3 Mrd. Euro Verlust gemacht.
Die vielfältigen und weltweiten Geschäftstätigkeiten der DB AG jenseits der Eisenbahn in Deutschland binden Management- und Finanzressourcen. Auch diese Unternehmungen sind in Teilen defizitär. Weltweit und bahnfremd passt nicht zum Gewährleistungsauftrag aus dem Grundgesetz: Betrieb, Ausbau und Erhalt der Schiene in Deutschland.
Die DB AG kann ihre Kosten und Investitionen schon länger nicht mehr aus Einnahmen decken. Sie musste sich in den letzten Jahren daher kontinuierlich weiter verschulden. Seit 2016 stieg die Verschuldung um 10 Mrd. Euro auf über 30 Mrd. Euro an – das entspricht täglich 5 Mio. Euro neuen Schulden. Und das, obwohl der Staat die DB AG auf unterschiedlichen Wegen immer stärker finanziell unterstützt. Diese öffentlichen Zahlungen von zuletzt durchschnittlich 16,6 Mrd. Euro im Jahr überstiegen dabei die Einnahmen aus Infrastrukturentgelten, Transport- und Fahrgastumsätzen. Die DB AG entwickelt sich immer mehr zu einem Fass ohne Boden.
Bund und Bahn verfehlen auch ihre ambitionierten verkehrs- und klimapolitischen Ziele. Nämlich den Personenverkehr bis 2030 zu verdoppeln. Und im gesamten Gütertransport sollte der Sektor Schiene einen Anteil von 25 % erreichen. Diese Wachstumsziele sind außer Reichweite.
Dies alles zusammen beschädigt die Reputation der DB AG immer mehr. Da helfen auch werbewirksame Strategien und Versprechen wie „Starke Schiene“ oder „Deutschlandtakt“ nicht. Die DB AG hält sie nicht ein, das sind bisher Worthülsen geblieben.
Die Dauerkrise ist aber nicht nur durch die DB AG verursacht. Der Bund hat durch eigene Versäumnisse wesentlich dazu beigetragen:
Dabei hat der Bund hat ein vitales Interesse an einem leistungsfähigen Eisenbahnsystem in Deutschland. Er hat schließlich einen verfassungsrechtlichen Gewährleistungsauftrag. Das Grundgesetz verpflichtet ihn, zum Allgemeinwohl eine den Verkehrsbedürfnissen entsprechende Versorgung mit Eisenbahninfrastruktur und Eisenbahnverkehrsangeboten zu gewährleisten. Deshalb darf der Bund diese Probleme nicht weiter hinnehmen.
Schon 2016 kündigte der Vorstand spürbare Fortschritte für die Bahnkunden an. Es folgten weitere Ankündigungen, die Situation zu verbessern. In der Realität hat sich die Lage aber deutlich verschlechtert. Nach diesen verlorenen Jahren muss die Bundesregierung endlich entschlossen gegen die Ursachen der Dauerkrise vorgehen. Und den Konzern wirksam, umfassend und schnell umstrukturieren. Erforderlich ist dafür:
Der Bund muss die DB AG aufgleisen – als verkehrspolitischer Gestalter, Alleineigentümer und Geldgeber kann er die Weichen stellen. Wichtig ist: Was die Schiene nicht stärkt, gehört nicht in den Konzern.